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Dienstag, 20. September 2011

Mit Andrea Gunschera auf Streifzug ....




Wir hatten uns zu einem Tour zu Andrea Gunscheras liebsten Plätzen verabredet. 
Nach einem kleinen Exkurs durch den Cyberspace, sprangen wir an einer Schnittstelle heraus und kamen am Hauptrechner einer großen Münchner Buchhandlung an. 

 Engelsbrut LYX Engelsbrut: City of Angels 1 

Nach einer ausgiebigen Begutachtung der Bücherregale, setzten wir uns auf die WLAN und rutschten gemeinsam mit Bits und Bytes weiter.
Eine falsche Abzweigung und schon landeten wir im einzigen noch funktionierenden Internet-Computer Syriens. Mist.
Also wieder zurück, nach ein paar Umwegen über Dubai, Russland (Kreml, nicht zu empfehlen, sind alle sehr nervös dort) erwischten wir endlich den richtigen Ausgang und fanden Andreas Computer. Nach dem Ordnen und Sortieren meiner Datenchips und Modifizierung meines Sprachmoduls konnten wir endlich mit unserem Interview beginnen:


Andrea, warum schreibst Du ausgerechnet Urban Fantasy und Thriller?

Fantasy und Thriller sind die Genres, die ich selbst bevorzugt lese und in denen ich mich zu Hause fühle. Bei meinen Büchern treibt mich der Wunsch, das zu schreiben, was ich selbst gern lesen würde. Das Sub-Genre Urban Fantasy, so wie ich es für mich interpretiere, ist dann eine logische Kreuzung aus diesen beiden Zutaten: glaubwürdige Action, komplexe Handlung mit vielen Überraschungen und moderne Kulisse wie in einem Thriller, doch mit einem phantastischen oder paranormalen Element.

Dazu kommt, dass ich bestimmte andere Genres in Ermangelung von solidem Hintergrund-Wissen einfach nicht schreiben könnte. Historische Romane zum Beispiel. Ich bin fanatisch, was Recherche angeht – und bei einem historischen Roman könnte ich meinen eigenen Anspruch gar nicht erfüllen.



Was zeichnet Urban Fantasy aus bzw. was unterscheidet Urban Fantasy z. B. von High oder Heroic Fantasy?

Das wichtigste Unterscheidungskriterium sind der Schauplatz und die Zeit, in der das Buch spielt. Bei HighFantasy bzw. HeroicFantasy als einer Spielart der klassischen Fantasy folgen die Settings überwiegend tolkienschen Prinzipien – das heißt, wir finden eine Fantasie-Welt ohne Bezüge zur Realwelt vor, die meist an mittelalterliche Vorstellungen angelehnt ist, mit dem zusätzlichen Vorhandensein von Magie und magischen oder phantastischen Kreaturen, sowie oft auch real existierenden Göttern oder Dämonen, die aktiv ins Geschehen eingreifen.

In der HighFantasy liegt der Fokus auf der Epik, das heißt, eine gewaltige Geschichte, die über Jahre oder Jahrzehnte hinweg das Schicksal ganzer Königreiche behandelt, wird anhand von mehreren Handlungssträngen erzählt, bei denen jeder von einem anderen Protagonisten getragen wird – die aber an bestimmten Punkten der Geschichte zusammenführen. Heroische Fantasy dagegen zentriert auf das Schicksal eines einzelnen Helden. Natürlich sind die Grenzen fließend – es gibt herausragende klassische Fantasy, bei denen auf einen Hauptcharakter und dessen Entwicklung fokussiert und zugleich eine epische Geschichte erzählt wird. Der HighFantasy-Klassiker schlechthin ist natürlich ‚Herr der Ringe‘, aber jüngere Vertreter sind z.B. das noch immer unvollendete vielbändige Epos von George R.R. Martin, ‚Das Lied von Eis und Feuer‘, oder Tad Williams‘ ‚Das Geheimnis der Großen Schwerter‘. Werke aus der Kathegorie HeroicFantasy, die ich in letzter Zeit gelesen habe und warm weiterempfehlen kann, sind ‚Die Lügen des Locke Lamora‘ und Nachfolgewerke, ‚Prinz der Dunkelheit‘ oder die Schatten-Trilogie von Brent Weeks, wobei bei letzterem die Grenze zur HighFantasy schon wieder fließend ist. Ansonsten, der Klassiker in diesem Sub-Genre dürfte wohl ‚Conan der Barbar‘ sein.

Bei Urban Fantasy dagegen spielt die Handlung in einer bekannten Welt, meist in einer Metropole. Zeitlich sind UrbanFantasy-Geschichten entweder in der Gegenwart oder einer sehr nahen Zukunft angesiedelt, seltener auch in einem fernen Zukunftsszenario wie z.B. die Dante Valentine –Serie von Lilith Saintcrow oder Stadt der Finsternis von Ilona Andrews. Dieses Gegenwarts-Setting wird nun angereichert mit einer paranormalen, magischen Komponente. Paranormale Kreaturen treiben ihr Unwesen in den Schluchten der Großstadt – Vampire, Werwölfe, Engel, Dämonen. Die Protagonisten sind oft selbst magisch begabt, sind ‚anders‘ als gewöhnliche Menschen, z.B. weil ihre Abstammung auf ein paranormales Wesen zurückgeht. Oft wissen sie von dieser ‚anderen‘ Seite der Realität, sind vielleicht selbst Dämonenjäger oder haben sonst ein Geschäft mit den nichtmenschlichen Kreaturen. UrbanFantasy ist in der klassischen Variante eine Fusion aus Großstadt-Dschungel mit einem FilmNoir-Touch und einer düsteren, magischen, unvorstellbaren Geheimnissen, die oft mit einer Krimi- oder Thrillerhandlung verstrickt sind. Die ersten Vertreter des Genres waren Serien um Detektiv-Charaktere, die täglich mit paranormalen Phänomenen zu tun haben, vielleicht sogar mit Polizei und Kirche zusammenarbeiten und immer dann gerufen werden, wenn die normalen Ermittler nicht weiterwissen. Wenn zum Beispiel ein wildgewordener Vampir eine Blutspur durch die Stadt zieht.

Tolle und empfehlenswerte Serien sind z.B. Die Harry-Dresden-Serie von Jim Butcher um einen Magier in Chicago, oder die Jill-Kismet-Reihe, wiederum von Lilith Saintcrow.

In den letzten Jahren ist das Genre sehr populär geworden, so dass sich eine Vielzahl von Sub-Genres herausgebildet haben. Es gibt Steampunk- und Dystopie-Ableger, zahlreiche Jugend- und YoungAdult-Romane, bei denen sich das paranormale Geschehen in ein Highschool-Setting verlegt (Harry Potter ist im Grunde nichts anderes, und mit den Twilight-Büchern kam eine romantische Komponente hinzu), und schließlich das Boom-Genre ParanormalRomance, was nichts anderes ist als die Kreuzung aus UrbanFantasy und Liebesroman, die es wiederum in der Ausführung für jugendliche und für erwachsene Leser gibt. Populäre Autorinnen sind hier z.B. Lara Adrian und J.R.Ward.

Durch diese Sub-Genres, die wirklich ganz unterschiedliche Lesergruppen ansprechen, sich in der Titelgestaltung aber alle sehr ähneln, entsteht mitunter erhebliche Verwirrung bei der Leserschaft. Denn wenn jemand ‚UrbanFantasy‘ sagt, reicht das Spektrum vom harten Noir-Detektiv-Thriller mit einem Touch Horror bis hin zu zuckersüßen Romanzen, bei denen die Handlung hinter ausführlich beschriebene Gefühlsverwirrungen und Liebesszenen zurücktritt.



Seit wann schreibst Du?

Als Kind habe ich Karl-May-inspirierte, entsetzlich schlimme Geschichten geschrieben, die immer genau in ein dickes Mathe-Heft passten, das verlor sich nach dem Abitur. Wieder angefangen habe ich um 2001 herum, und zwar mit ernsthaften Ambitionen und sehr viel Übung. Etwa fünf Jahre und ein tausendseitiges (ebenfalls ziemlich schreckliches) Fantasy-Manuskript später war ich soweit, meine Schreibe auch anderen Lesern zumuten zu können, ohne sofort Buh-Rufe zu ernten.

2008 erschien mein erster Roman, ein Thriller. Seither schreibe ich pro Jahr etwa ein Buch, in Zukunft hoffentlich etwas mehr.



Welche(r) Autor(in) inspiriert Dich?

Viele :-) Deshalb nenne ich hier nur ein paar, die die oberste Reihe meines Schreibgötter-Schreins besetzen:

Aus der klassischen Fantasy – Brent Weeks, Tad Williams, Richard Morgan, Steven Brust, Andrzej Sapkowski. Urban Fantasy – Lilith Saintcrow, Jim Butcher. Manchmal auch J.R. Ward oder Sherilyn Kenyon aus der Romantik-Ecke, aber die nur in kleinen Dosen ;-).

Thriller – Barry Eisler, Eric van Lustbader, Daniel Silva, Andrew Grant.

Und so ganz allgemein – Charlotte Lyne und Elisabeth Herrmann, die beide auf ihre jeweils eigene Weise so leichtfüßig und zugleich tiefgründig und oft wunderbar poetisch schreiben, dass ich jedes Buch von ihnen sofort verschlinge und mich danach fast immer unzulänglich fühle ;-)



Wie und wann recherchierst Du?

Vor dem Schreiben sehr intensiv, während des Schreibens ununterbrochen in Details. Ich bemühe mich, an Orten, über die ich schreibe, auch selbst gewesen zu sein.

Ansonsten sind GoogleMaps und das Internet ganz allgemein meine allerbesten Freunde. Für Detailfragen besorge ich mir Bücher, und oft frage ich Fachleute, wenn mir etwas partout nicht erschließen will. Ein Hoch an dieser Stelle auf das Montsegur-Forum, in dessen Recherche-Thread sich für buchstäblich jede Frage ein Spezialist findet, der mit dem Finger in die richtige Richtung zeigt.

Wenn ich auf Reisen bin, halte ich auch unabhängig von einem spezifischen Manuskript meine Eindrücke fest, vor allem Details, an die man sich später nicht mehr erinnern kann. Es passiert mir immer wieder, dass ich später in meinen Notizbüchern eine stimmungsvolle Kulissenbeschreibung entdecke, die ich dann ideal in ein Projekt einfügen kann.



Wie gehst Du vor? Planst Du Deinen Plot/Story/Szenen und Charaktere vorher?

Ich bin ein sehr detaillierter Planer, auch wenn mich manchmal die Euphorie mitreißt und ich die ersten vierzig Seiten eines Manuskripts aus der spontanen Idee heraus herunterschreibe. Spätestens auf Seite 30 ereilt mich normalerweise die Strafe, weil mir dann auffällt, dass ich bestimmte Details über meine Figur nicht weiß, weil ich mir darüber noch keinen Kopf gemacht habe.

Deshalb steht am Anfang jeden Projekts ein detaillierter Plot. Der geht nicht bis hinunter zu jeder einzelnen Szene, aber beleuchtet doch jeden Aspekt der Handlung und, das allerwichtigste, die Motivation und innere Entwicklung jeder einzelnen Figur. Deshalb arbeite ich zusammen mit dem Plot immer auch detaillierte Profile meiner Hauptcharaktere aus, gut wie böse. Oft suche ich mir auch Bilder, um sie zu illustrieren – die IMDB (Image Movie Data Base) ist da eine gute Quelle.



Wie hast Du das Schreiben gelernt?

Klassisch-Autodidaktisch. In den ersten zwei Jahren habe ich einfach drauflos geschrieben, dann bekam ich eine Ahnung, dass es dazu auch eine Theorie und Regeln geben müsse. Ich habe Schreibratgeber gelesen, und sogar mal einen Kurs mitgemacht.

Später habe ich mich dann in Schreibforen organisiert, etwas, das mir eine Zeitlang sehr geholfen hat, Struktur ins Schreiben zu bringen.

Heute lese ich vor allem andere Autoren, die ich bewundere, und versuche, ihre Methodik zu verstehen und für meine eigene Arbeit zu adaptieren.

Ansonsten galt und gilt immer noch: Übung macht den Meister. Man muss viel schreiben, um schreiben zu lernen.



Welches Genre fällt Dir am Leichtesten zu schreiben?

UrbanFantasy – weil ich hier den geringsten Recherche-Aufwand habe. Der umfangreiche Weltenbau, den man in der klassischen Fantasy im Vorfeld betreiben muss, entfällt. Die Regeln des Genres sind mir vertraut, und ich muss Grundlagen und Schauplätze nicht mehr so intensiv recherchieren, weil ich vieles schon im Hinterkopf habe.

Natürlich ergibt sich daraus aber wieder die Herausforderung, etwas Neues zu erschaffen, eine Variation, die noch nicht am Markt existiert … und dann wird es doch wieder etwas komplizierter ;-)



Welches andere Genre würde Dich einmal reizen?

Ich hätte große Lust auf humoristische Literatur mit einem scharf-satirischen Unterton – die bissigere Variante vom humoristischen Frauen- oder Männer-Roman. ICH-Perspektive, am liebsten mit einer männlichen Erzählstimme.

In der Tat habe ich da auch schon ein Projekt in Vorbereitung, aber das wird unter Pseudonym erscheinen, um Verwirrungen mit meinen anderen Genres zu vermeiden.



Was tust Du um Kraft zu schöpfen und/oder neue Ideen zu finden?

Inspiration schöpfe ich oft und gern aus dem Konsumieren anderer Medien: Bücher lesen, Filme anschauen, Computerspiele spielen. Vor allem letzteres finde ich ungemein entspannend. Man taucht einfach für ein paar Stunden oder sogar mal ein ganzes Wochenende in eine andere Welt ab.

Ansonsten springen mich Ideen oft an, einfach indem ich durch die Welt laufe, Alltäglichkeiten beobachte, auch mal einen fremden Ort besuche oder ein fremdes Land. Ich lese einen Zeitungsartikel und der bringt mich auf eine Idee, aus der später mal eine Geschichte entstehen kann.



Wie viel und was liest Du?

Eigentlich habe ich viel zu wenig Zeit zum Lesen – es gibt so viele Bücher, die ich einfach nicht schaffe. Trotzdem gelingt es mir, pro Jahr so um die 40 bis 50 Romane zu lesen, wobei ich solche, die mich bis Seite Fünfzig nicht zu fesseln vermögen, aus Zeitgründen dann einfach abbreche.

Ich lese Thriller, Fantasy, UrbanFantasy querbeet, ab und zu ScienceFiction, und von meinen Suchtautoren jedes neue Buch, das auf den Markt kommt. Gelegentlich wildere ich auch in anderen Genres, pro Jahr sind auch zwei bis drei historische Romane dabei und manchmal ein klassischer Krimi oder etwas Humoristisches. Aber mein Schwerpunkt liegt schon auf den erstgenannten Genres.




Wonach wählst Du ein Buch aus?

Zunächst gibt es bei mir Blindkäufe – Bücher von Autoren, die mich begeistern und die ich dann auch, ungeachtet meines sonstigen SUB, sofort lese. Egal, welches Genre sie schreiben. Aktuell trifft das z.B. auf Richard Morgan zu, Barry Eisler, Brent Weeks, Lilith Saintcrow oder Elisabeth Herrmann, aber auch noch ein paar andere. Dann gibt es einige Serien, die ich verfolge, da gilt das gleiche Prinzip, da kaufe ich praktisch, ohne hinzusehen.

Im Buchladen stöbere ich außerdem nach dem Lustprinzip – spricht mich ein Cover an, und stimmt dann noch der Klappentext und das Leseerlebnis der ersten Seite, schlage ich auch ganz gern zu. Deshalb stapeln sich in meinem Regal auch deutlich mehr Hardcover, als Taschenbücher. Erspähe ich ein neues Buch eines Autors, den ich kenne und auch gern lese, wandert auch das auf den Einkaufsstapel.

Manchmal bringt mich eine besonders schöne Rezension auf die Spur. So stoße ich immer wieder mal auf neue, gute Autoren.



Welche Art Romanhelden/innen bevorzugst Du?

Solche mit Haaren auf den Zähnen ;-)

Nein im Ernst, ich mag meine Romanhelden gern tatkräftig und knüppelhart, ruhig auch zwiespältige und nicht unbedingt positiv besetzte Charaktere – wenn sie denn logisch und glaubwürdig sind.

Was ich gar nicht ausstehen kann, sind Klischee-Figuren. Das schwache Frauchen ebenso wie die super-toughe Dämonenjägerin, die so dermaßen mit dem Holzhammer darauf hinweisen muss, wie knallhart sie ist, dass man ab Seite Fünfzig nur noch wegen Unglaubwürdigkeit die Augen verdreht. Ebenso gehen mir Pseudo-Antihelden gegen den Strich, die vor allem im ParanormalRomance-Genre in Mode sind. Also Typen, die ganz furchtbar den BadGuy heraushängen lassen, mit schlimmer Kindheit und allem drum und dran, infolge dessen zu böswilligen Mordbuben wurden, aber beim Anblick der Herzensdame sofort zum Schoßhund mutieren.

Wenn Antiheld, dann bitte konsequent.

Ich will stringente Charaktere, die in ihren Entscheidungen von einer zwingenden Logik getrieben werden, egal ob die daraus resultierende Handlung nun gut oder schlecht ist. Und ich bewundere Autoren, die den Mut haben, solche Figuren sich auch selbst zerstören zu lassen – eben weil jede andere Handlungsweise nicht glaubwürdig wäre.

Ich will Protagonisten, die so dicht an der Wirklichkeit entlangschrammen, dass man sie dem Autor sofort und mit jeder Faser abkauft. Gerade, wenn sie einem Genre entstammen, das mit der Realität nicht viel zu tun hat.



Würdest Du im realen Leben den Romanhelden als Mann für´s Leben wollen?

Es gab mal eine Zeit, da hätte ich diese Frage mit ‚Ja‘ beantwortet, allerdings ist das zwanzig Jahre her ;-)

Inzwischen weiß ich, dass reale Männer viel spannender und vielschichtiger sein können, als ein Romanheld es jemals wäre. Man muss sich nur die Mühe machen, den Menschen hinter der Fassade zu verstehen. Das ist aufregender als jeder Krimi.



Reizen Dich (als Leserin) erotische Romane? (Von Recherchegründen einmal abgesehen...)

Och ja, wenn sie gut geschrieben sind. Ich lese immer mal wieder welche.


Wenn ja, warum?

Neben dem offensichtlichen Grund? ;-)


Was gefällt Dir in Romanen am Besten?

Das kommt natürlich immer auf den Roman an … Ganz pauschal gesprochen, zunächst die Möglichkeit, in einer fremden Welt zu versinken. Sich von Spannung fesseln zu lassen. Interessante Figuren kennen zu lernen und mit ihnen zu fiebern, sich in sie zu verlieben, sie leidenschaftlich zu hassen. Romane inspirieren mich, durch phantasievolle Welten, durch faszinierende Protagonisten mit unerwarteten Facetten, die mich mitunter zum Nachdenken bringen, durch eine wunderbare und poesievolle Sprache, durch überraschenden, bissigen Humor.

Ich mag es, wenn ein Roman mehr ist als nur eine hunderttausend mal gehörte Geschichte. Wenn ich Fantasy lese und mir bewusst wird, wie geschickt ein Autor Probleme der heutigen Zeit darin unterbringt, ohne es je beim Namen zu nennen. Gebannt folge ich Visionen einer zukünftigen Welt, auch wenn die in phantastischen Kleidern daherkommen. Die grundlegenden menschlichen Fragen bleiben die gleichen.



Was geht gar nicht? Was sorgt bei Dir dafür, dass ein Buch im Ofen landet?

Vorhersehbarkeit. Wenn ich auf Seite zehn schon weiß, wie das Buch ausgehen wird. Bücher ohne roten Faden, bei denen auf Seite 200 noch nicht klar ist, worum es eigentlich geht. Unglaubwürdige, gestelzte Dialoge. Schmacht-Szenen mitten im wildesten Kampfgetümmel, wenn man sich an fünf Fingern abzählen kann, dass der Held jetzt wirklich andere Sorgen hat als die Lippen der begehrenswerten Herzdame. Zweitausendjährige super-sexy Vampire oder Kriegerengel, die sich bei der Begegnung mit einer hübschen Kellnerin benehmen wie Teenager und ihr zwanzig Seiten später gestehen, dass sie noch nie mit einer Frau im Bett waren. Weil sie Abstinenz geschworen haben, aber gegen diese süßen, unschuldigen Augen sind sie einfach machtlos. Schlecht recherchierte Actionszenen, die sich beim Lesen so anfühlen wie eine Bud Spencer & Terence Hill Prügelei. Überhaupt schlechte Recherche, die bringt mich schier um. Bösewichter, die einfach aus Prinzip böse sind und dies ununterbrochen unter Beweis stellen müssen. Auch wenn ihnen das überhaupt keinen Vorteil bringt. Moralisierende Lamenti. Sexszenen, die gewollt sind und nicht gekonnt, und das Kind nicht beim Namen nennen, sondern im letzten Moment verschämt zur Seite gucken.




Wie wichtig ist Sex in erotischen und Liebesromanen für Dich?

Gut geschriebene Sexszenen lese ich gern. Wenn sie eben gut geschrieben sind, originell (und ich beziehe das jetzt nicht auf technische Details) und glaubwürdig.

Wenn sie in die Handlung passen, dann mag ich sie auch außerhalb dieser Genres. Einer meiner Lieblingsautoren, Barry Eisler, schreibt in seinen Thrillern wirklich unfassbar gute Bettszenen. Sparsam, auf den Punkt gebracht und wahnsinnig erotisch.

Ich würde aber nicht sagen, dass Sex die Bedingung für einen guten Liebesroman ist. Für einen erotischen Roman schon – sonst wäre es keiner. Da darf es ruhig etwas mehr sein, und ruhig explizit. Gute Erotikszenen sind ein Balance-Akt, denn sie müssen knistern, und das geht wiederum nur, wenn sie sinnvoll in die Handlung eingebettet sind. Sex fängt eben im Kopf an. Der mechanische Akt ist nur Fortsetzung und vielleicht Höhepunkt.

In Liebesromanen gibt es überhaupt kein ‚Muss‘. Ich kenne wundervolle Liebesromane, in denen die Beschreibung nie weitergeht als bis zum Kuss. Und grässlich schlechte Exemplare, in denen die fünf strategisch über den Plot verteilten Bettszenen es auch nicht mehr herausreißen können. Wenn ich ein Buch lese, auf dem nicht draufsteht ‚erotischer Roman‘, und ich bin bei der zweiten Bettszene angelangt, die sich über fünf Seiten erstreckt, dann lese ich die erste Seite an, und überblättere die restlichen vier, bis die eigentliche Handlung weitergeht.

Man sagt ja, ‚Sex Sells‘, aber ich vertrete die Auffassung, dass ein ‚Zuviel‘ die delikate Balance ganz schnell zum Einsturz bringt. Auch hier geht es für mich in erster Linie um Stringenz und Glaubwürdigkeit. Der Grad an Explizitheit muss zum Gesamtroman passen und zu den Charakteren. Ist das Buch eher in zarten Tönen geschrieben, würde explizite Bettakrobatik befremdend anmuten und die Illusion von Sinnlichkeit zerstören. Bei einem geradlinigen Thriller dagegen, mit geradlinigen und rauen Charakteren sollte der Sex ebenso packend geschrieben sein, wie die Action.



Was sind Abtörner-Szenen? (Nicht nur auf Erotik bezogen....)

Gute Frage :-)

Generell alles, was unter die Kategorie ‚Was geht gar nicht‘ weiter vorn passt.

Ansonsten – übertriebene Gefühlsduselei mit dem Holzhammer (jaja, ich hab’s ja kapiert, dass du unsterblich verliebt bist). Sex-Szenen auf Seite 10, direkt nach dem Kennenlernen, die in die Erkenntnis münden, dass ER/SIE sich nach der Nacht unsterblich und schicksalhaft in den Bettpartner verliebt hat. Jedenfalls, wenn das Buch in der Gegenwart spielt.

Abrupte Sprünge in der Erzählperspektive, mitten in der Szene.

Szenen, in denen ein Protagonist offensichtliche Dummheit an den Tag legt.

Hormongesteuerte Überreaktionen.

Extreme physische Grausamkeit ohne dramaturgische Funktion. Szenen, in denen detailliert beschrieben wird, wie der Killer dem Opfer die Augen mit dem Skalpell scheibchenweise entfernt, törnen mich ab. So was verdirbt mir das komplette Buch.




Welchen Plot bevorzugst Du in Deinen Romanen?

Ich mag Plots mit überraschenden Wendungen, die nicht vorhersehbar sind. Wenn ich mir meine bisherigen Bücher anschaue, scheine ich generell einen Hang für tragische Dreieckskonflikte zu haben. Ich finde Protagonisten faszinierend, die zwischen zwei widersprüchlichen Loyalitäten gefangen sind, und Konstruktionen, bei denen es keinen klassischen Bösewicht gibt, sondern nur einen weiteren, getriebenen Charakter mit vollkommen logischen Motiven, dessen Absichten denen meiner Hauptfiguren eben nur diametral entgegen laufen.



Eine Schreibblockade droht, was tust Du?

Ich schreibe an einem anderen Projekt weiter und lasse das, in dem ich festsitze, einfach eine kleine Zeitlang ruhen.

Alternativ hilft bei mir auch starker Druck – wenn ich einen Abgabetermin habe, der mich zu Nachtschichten zwingt, verschwindet die Blockade von ganz allein.

Davon abgesehen ist mir eine echte Blockade in den letzten zehn Jahren noch nicht untergekommen, höchstens starke Unlust, die sich aber durch die beschriebenen Methoden recht gut bekämpfen lässt.



Was rätst Du einem Hobbyautor, der ernsthaft veröffentlicht werden will?

Üben, üben, üben. Stets selbstkritisch die eigene Arbeit betrachten und sich von Kritik nicht persönlich angreifen lassen, sondern sie als Werkzeug anzunehmen, das bei der Verbesserung des eigenen Stils hilft. Zugleich aber auch das eigene Selbstbewusstsein nicht verkümmern lassen. Die richtige Balance zwischen Selbstvertrauen und kritischer Selbstreflexion ist wichtig.


Methodisch am eigenen Handwerk feilen – am besten anhand einer guten Mischung aus Kurzgeschichten und einem Romanprojekt. Kurzgeschichten sind vor allem gut, um den Stil zu verbessern und auch mal über den Genre-Tellerrand zu schauen, außerdem kann man sie leicht in Foren posten, um sich Feedback von anderen (Hobby)schriftstellern zu holen.


Geduld und Beharrlichkeit – es dauert Jahre harter Arbeit, um die eigenen Fähigkeiten auf ein Niveau zu bringen, das veröffentlichungswürdig ist. Man stelle sich zum Vergleich einfach vor, wie viele Jahre ein Klavierspieler lernen und üben muss, um es zum Konzertpianisten zu bringen. Mit der Schriftstellerei ist es genauso.


Ratgeber lesen, sich mit der Theorie vertraut machen und das Gelernte an den eigenen Texten einsetzen.

Sich mit anderen austauschen – Autorenforen sind eine wunderbare Plattform dafür, und es gibt Hunderte im Netz. Manchmal muss man ein wenig suchen, bis man die richtige Community für sich selbst findet.


Nicht zu früh und nicht um jeden Preis auf Veröffentlichung drängen. Als Hobbyschriftsteller mit Veröffentlichungs-Ambition ruht man sich außerdem gern auf der Aussage aus, dass der Einzelne bei der Vielzahl an Einsendungen von Manuskriptangeboten an Verlage ja ohnehin keine Chance hätte. Ich habe mich da auch mal dran festgehalten.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass sich Qualität durchsetzt, das heißt, eine wirklich gute Schreibe wird früher oder später auch entdeckt. Wichtig ist allerdings, ein paar Dinge über das Prozedere zu wissen:

Das eigene Expose unangefordert an einen Verlag zu schicken, hat meist nur bei Kleinverlagen eine Chance, da diese nicht von Literaturagenten mit Angeboten versorgt werden – wegen der geringen Umsätze. Trotzdem kann ein seriöser Kleinverlag ein sehr gutes Sprungbrett für einen Debütautor sein.

Wer bei großen Publikumsverlagen veröffentlichen möchte, sollte sich besser bei einer Agentur bewerben. Neben der Qualität der Schreibe hilft es auch hier, wenn bereits seriöse Veröffentlichungen via Kleinverlag vorhanden sind. Agenturen prüfen jede Einsendung, und wenn sie den Autor für vermittelbar halten, werden sie ihn unter Vertrag nehmen. Wer auf seine Bewerbungen bei Agenturen zwanzig Standard-Absagen zurückerhält, kann davon ausgehen, dass er stilistisch einfach noch nicht gut genug schreibt. Denn wenn der Stil toll ist, nur das Thema schwierig, geben einem das die meisten Agenten zu verstehen.
 

Undercover-Einsatz zu Recherche-Zwecken: Was würdest Du niemals tun?

Dinge, die mich körperlich in Gefahr bringen und über meinen Fähigkeiten-Horizont reichen.

Wenn ich zum Beispiel meinen Roman im Gang-Milieu von East L.A. spielen lasse, dann würde ich wohl mal mit dem Auto durch diese Gegenden fahren, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Aber ich würde es nur tagsüber tun, und niemals anhalten und aussteigen.

Meine Grenze verläuft immer dort, wo ich weiß, dass ich ein physisches Risiko eingehe, verletzt zu werden.

Für einen Nahost-Thriller wäre ich z.B. vor drei Jahren noch nach Syrien gefahren, weil das Land zu dieser Zeit als sicher galt, und das Abenteuer zwar ein wenig mentale Überwindung gekostet hätte, aber nicht mit echten Gefahren einhergegangen wäre. Jetzt, wo dort bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, würde ich einen weiten Bogen drum machen.

Das Gleiche gilt auch für bestimmte Outdoor-Aktivitäten, bei denen ich von vornherein weiß, dass ich mich damit aufgrund mangelnder Ausbildung in unverhältnismäßige Risiken stürze.


Zum Glück schreibe ich aber auch in Genres, in denen man verhältnismäßig gefahrlos recherchieren kann, und meistens vom Schreibtisch aus ;-)

Liebe Andrea, vielen Dank für das ausführliche Interview! :-)

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