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Dienstag, 4. Oktober 2011

Chris Lind - Mit dem Kamel quer durch New York

Es wurde wieder einmal Zeit für ein Interview.
Jede Faser meiner Finger brannte darauf, in die Tasten zu hauen.
Ich erinnerte mich an Chris Lind, die Autorin von "Die Geliebte des Sarazenen"
Wir hatten uns ja seinerzeit auf der BLC so gut unterhalten und überhaupt ...

Ich dachte nach ...


Meine Tochter reichte mir die Zügel.
"Es ist ganz einfach," meinte sie. "Rauf auf das Wüstenschiff und den Rest macht das Kamel."
Ich war mir nicht sicher, doch ich vertraute meiner Tochter. Obwohl ich irgendwie glaubte, etwas Wichtiges vergessen zu haben.

Manhattan war eine Katastrophe.
Überfüllt, laut, hektisch. Wenigstens hatte das Kamel die Ruhe weg und ich saß so gemütlich im Hello-Kitty-Sattel, daß ich gelassen darüber hinwegsehen konnte.
Das Kamel trug mich in den Central Park.
Einige Pferdekutschen standen da, warteten auf Kundschaft und die Droschker starrten uns mit offenen Mündern an.
Neid im Blick ... ja, das liebe ich. Es gibt nichts fieseres als Neid!

Grummelnd saß ich auf meinem Kamel und wurde endlich für meine Mühe belohnt.
Chris Lind kam mir entgegen. Unerklärlicherweise ritt sie auf einer Kanonenkugel wie einst Münchhausen.
"Sie haben Post", sagte sie. Und dann noch einmal untermalt mit Biepen: "Sie haben Post!"
Mein Kopf fuhr hoch.
Ich saß am Schreibtisch.
Zuhause.
Mein Email-Account war geöffnet.
Und ich habe KEINE Tochter.




Warum schreibst Du historische Romane?

Weil ich das Recherchieren liebe und die Möglichkeit, in eine andere Zeit einzutauchen und etwas über vergangene Epochen zu lernen.



Auf Amazon sind sich die Leser ja nicht ganz einig, ob Du jetzt einen historischen Roman oder einen historischen Liebesroman geschrieben hast. Welches Subgenre ist "Die Geliebte des Sarazenen" denn?

Wenn ich ganz ehrlich bin, ein historischer Roman mit einem etwas unglücklichen Titel;-)

In „Die Geliebte des Sarazenen“ spielt Liebe zwar eine große Rolle, allerdings nicht nur die Liebe einer Frau zu einem Mann, sondern als wichtiger Motivator die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter.



War es schwer für Dich, Dich in die Protagonistin hineinzuversetzen, die - wie in einer Rezi beschrieben wurde - z.B. noch nie ein Kamel sah, und Du quasi mit ihren Augen sehen musstest?

Nachdem ich einiges über die Zeit der Kreuzzüge recherchiert hatte und die Figur meiner Heldin entwickelt hatte, die ja nach einem Klosterleben als unglückliche Ehefrau wenig Lebenserfahrung sammeln konnte, habe ich mich gefragt, was eine Reise wohl für jemand eher Unbedarften bedeutet. Was würde jemand, die noch nie weit aus Braunschweig herausgekommen ist, wohl denken, wenn sie plötzlich mit Tieren konfrontiert ist, die sie nie gesehen hat und die sie auch nicht kennen kann. Von da ab schrieb sich die Kamelszene (eine meiner Lieblingsszenen) von selbst.



Seit wann schreibst Du?

Belletristisch mit dem Ziel der Veröffentlichung seit dem Jahrtausendwechsel. Vorher „nur“ Tagebuch und fachwissenschaftliche Artikel und Bücher die andere handwerkliche Fähigkeiten erfordern. Den Anstoß zum Schreiben gab die Midlife-Crisis. 1999 saß ich in Bremen mit einer Freundin auf deren Dachterasse und wir überlegten, gemeinsam einen Krimi zu schreiben. Leider haben wir das Manuskript aus Zeitgründen nie beenden können, aber ich war vom Schreibvirus infiziert. Ich habe Schreibratgeber gelesen, Fortbildungen besucht, erste Kurzgeschichten bei Wettbewerben eingereicht und schließlich den ersten Roman (für die Schublade) geschrieben.


Welche(r) Autor(in) inspiriert Dich?

Inspiration ist ein sehr großes Wort. Ich weiche aus auf die Autorinnen und Autoren, deren Bücher mir viel bedeutet haben. Das reicht von Jules Verne und Karl May über – ganz klassisch – Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch bis hin zu Sylvia Plath, Marilyn French, Marion Zimmer Bradley, Isabelle Allende, natürlich J. R. R. Tolkien. Morgen fallen mir bestimmt noch andere ein, die ich eigentlich unbedingt hätte nennen müssen, wie Michael Ende oder Douglas Adams.



Wie und wann recherchierst Du?

Ich vertraue – ganz altmodisch – Büchern mehr als dem Internet und verbringe viel Zeit in der Kasseler Stadtbibliothek und der Unibibliothek. Wenn es möglich ist (und finanziell leistbar) besuche ich die Handlungsorte. In Braunschweig habe ich mir das Stadtmuseum angesehen und bin auf den Wegen meiner Heldin gelaufen. Für Jerusalem und Venedig reichte das Budget leider nicht.

Da ich ein sehr visueller Mensch bin, schaue ich zur Recherche Dokumentationen und Filme. „Königreich der Himmel“ und „Arn der Kreuzritter“ kann ich nur empfehlen.



Waren die Recherchen aufwendig?

Oh ja. Wenn ich das vorher geahnt hätte, …

Am aufwändigsten war es, Informationen über das Alltagsleben im 12. Jahrhundert zu finden. Die Frage, wie lange meine Heldin für den Weg von Braunschweig nach Jerusalem benötigt, hat mich lange beschäftigt, bis ich endlich auf Reiseberichte von Pilgern gestoßen bin. Die Reise dauerte übrigens knapp drei Monate.



Wie gehst Du vor? Planst Du Deinen Plot/Story/Szenen und Charaktere vorher?

Nachdem sich eine Idee festgesetzt hat und geschrieben werden will, überlege ich mir den Anfang und das Ende der Geschichte, entwickele die Figuren und beginne dann, drauflos zu schreiben. Bunt durcheinander. Szenen, die mir einfallen und die sich aus der Dynamik zwischen den Figuren und Anfang und Ende ergeben. Nachdem ich so um die 100 Seiten geschrieben habe, nehme ich den Entwurf als Skelett für das geplante Buch und beginne, systematisch und handwerklich zu arbeiten. Soll heißen, ich lege die Wendepunkte fest, schaffe Bezüge zwischen den Szenen und lasse die Figuren sich entwickeln.

Versuche, bereits von Beginn an zu plotten und einen Kapitelplan vorab zu entwerfen, haben für mich nicht funktioniert.



Wie hast Du das Schreiben gelernt?

Angefangen habe ich damit, mich durch die vielfältige und bunte Welt der Schreibratgeber zu lesen und auch durchzuarbeiten. Parallel habe ich Schreibkurse besucht und viel geschrieben.

Sehr hilfreich war eine Online-Schreibgruppe, der Schreibzirkel, in dem wir intensiv an Kurzgeschichten gearbeitet haben.



Schreibst Du in mehreren Genres? Welche?

Weil es mir immer schwer fällt, mich festzulegen und zu entscheiden, schreibe ich in unterschiedlichen Genres. Neben dem historischen Roman schreibe ich Fantasy und Phantastik, ab und zu Science Fiction, „klassische“ Kurzgeschichten und Jugendbücher.

Obwohl ich gerne Krimis lese, gelingen sie mir einfach nicht.



Welches Genre fällt Dir am Leichtesten zu schreiben?

Mmh, die Leichtigkeit des Schreibens hängt für mich von der Geschichte ab. Mit machen muss ich kämpfen und mich sehr quälen; andere „fliegen“ mir zu und schreiben sich fast von selbst. Rate mal, was häufiger vorkommt;-))



Hast Du bestimmte Rituale, vor, während oder nach dem Schreiben?

Nein. Doch. Ich lege mir Listen an, was ich wann schaffen will und bin hinterher frustriert, weil ich meistens nicht alles erledigt habe.



Was tust Du um Kraft zu schöpfen und/oder neue Ideen zu finden?

Neue Ideen entwickele ich bevorzugt kurz vor dem Einschlafen, in der Badewanne oder beim Joggen – also immer, wenn ich keinen Stift und kein Notizbuch dabei habe. Inzwischen betrachte ich das als Härte-Test für Ideen. Wenn sie richtig gut sind, kommen sie wieder, nachdem ich endlich Stift und Notizbuch gefunden habe.



Wie viel und was liest Du?

Seitdem ich selbst schreibe, habe ich weniger Zeit zum Lesen, aber ich schaufele mir ab und zu Wochenenden frei und fresse mich dann durch möglichst viele Bücher. Fantasy, Krimis, Jugendbücher, Liebesgeschichte – je nach Stimmung und „Eskapismus“-Bedarf.

Allerdings hat sich mein Lesen geändert, seitdem ich schreibe. Ich kann nicht mehr so unbefangen wie früher in Bücher eintauchen, sondern analysiere die Geschichten im Hinterkopf immer mit: wie sind die Figuren konstruiert? Wie läuft der Spannungsbogen? Was gefällt mir? Warum? Was ärgert mich? Warum?

Ich lese jetzt anders, aber immer noch gerne, so etwa zehn Bücher im Monat.



Wonach wählst Du ein Buch aus?

Obwohl man Bücher ja nicht nach dem Cover beurteilen soll, greife ich in Buchhandlungen gerne nach auffallenden Titelbildern, die sich abheben.

Ich lese Rezensionen und Buchempfehlungen im Internet und in Zeitungen. Wenn ich dann ein Buch in der Hand habe, lese ich es an. Die ersten Seiten, ein bisschen in der Mitte und den Schluss.



Welche Art Romanhelden/innen bevorzugst Du?

Realistische“ oder besser: Menschen anstatt Super- oder Übermenschen, die keine Fehler haben und unglaublich toll aussehen. Ich mag Figuren mit Ecken und Kanten und die „armen Hascherl“, die sich an den Herausforderungen des Lebens entwickeln können.



Würdest Du im realen Leben den Romanhelden als Mann für´s Leben wollen?

Eher wohl nicht, da ich zu wenig mit Romanheldinnen gemeinsam habe;-)). Und den Mann für’s Leben habe ich auch schon gefunden ;-)).



Welches Genre bevorzugst Du (als Leserin)

Wenn ich mich in meinen Billys so umschaue, geht es bunt durcheinander. Sehr viel Fantasy und Krimis, aber auch Jugendbücher, Klassiker und moderne Literatur.



Was gefällt Dir in Romanen am Besten?

Gut gezeichnete Figuren, überraschende, aber in sich logische Wendungen und ein Plot, der mich die Seiten umblättern lässt, weil ich es nicht erwarten kann, wie es weitergeht.



Was geht gar nicht? Was sorgt bei Dir dafür, daß ein Buch im Ofen landet?

Ich verbrenne keine Bücher und werfe sie auch nicht ins Altpapier. Selbst, wenn ich mich noch so sehr ärgere, darf das Buch bei mir einziehen.

Aber mich ärgern überbordende Gewaltszenen, „dämlich“ handelnde Figuren und Plotlöcher, bei denen ich das Gefühl bekomme, die Autorin oder der Autor hatte jetzt keine Lust mehr und geht davon aus, dass ich als Leserin das eh nicht merke.



Wie wichtig ist Sex in Romanen für Dich?

In denen, die ich lese, oder in denen, die ich schreibe?

In beiden eher weniger wichtig, auch weil ich es schwer finde, gute Sex-Szenen zu schreiben;-)



Was sind Abtörner-Szenen? (Nicht auf das sexuelle bezogen....)

Gewaltszenen, die detailliert beschrieben werden, bringen mich dazu, dass Buch nicht zu mögen.

Figuren, die sich dämlich und nicht nachvollziehbar verhalten, damit die Geschichte weiter geht, ärgern mich sehr.

Herr Lehrer, ich weiß was“-Szenen, in denen die Autorin oder der Autor mir unbedingt zeigen muss, wie tief er oder sie recherchiert haben.

Zufälle, die dem Plot auf die Sprünge helfen … und bestimmt noch viel mehr.

Seitdem ich mich mit dem Schreibhandwerk beschäftige, bin ich eine viel kritischere Leserin und ärgere mich schneller über Schnitzer.



Welchen Plot bevorzugst Du in einem Roman?

Einen figurenorientierten. Reine Action ist nicht unbedingt etwas für mich. Ich möchte mit einer Figur mitfühlen können, ihren Weg begleiten und sie nach Abschluss des Buchs vermissen.



Was war das schlechteste Buch, das Du je gelesen hast?

Am meisten gequält habe ich mit Thomas Manns „Der Zauberberg“, was auch daran liegen kann, dass ich es mit 15 Jahren gelesen habe und vieles nicht verstehen konnte. Allerdings habe ich noch nicht das Bedürfnis verspürt, mich erneut durch die 1.000 Seiten zu graben, um den Ersteindruck zu korrigieren.

Sehr geärgert habe ich mich – in letzter Zeit – über „Furie“ von Chelsea Cain, weil in dem Buch ein langweiliger Plot durch detaillierte und wirklich eklige Gewaltszenen „aufgepeppt“ werden sollte. Die habe ich dann überblättert, was überhaupt keine Auswirkung für das Verstehen der Handlung hatte.



Würdest Du einem ungeliebten Menschen absichtlich ein schlechtes Buch schenken bzw. zum Kauf raten????

Hmm, eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass ich ein besserer Mensch wäre, würde aber keine Garantie dafür abgeben. Wahrscheinlich würde ich das aber nicht tun, weil ja auch das Risiko besteht, dass der ungeliebte Mensch das Buch mag, das mir nicht gefiel;-)).

Bilder von Christiane Lind

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