aktuell:

aktuell:

Mittwoch, 4. Januar 2012

Mit Fanny Lasalle in der Stadt der Liebe

Silvester in Paris. Der Stadt der Liebe. Die Stadt mit dem ersten Café, in dem es Eiscreme gab. (Café Procope) In Gedenken an all die vielen großen Literaten, die sich dort einfanden, führte auch mich mein Weg dorthin. Im Schlepptau ein Rudel - vielleicht sollte ich besser schreiben: Rotte - Raubosaurier im geschlechts-unreifen Zustand (= soll heißen: weit entfernt von der Pubertät), die nach Eiscreme quengelten. Froh keinen Teenie dabei zu haben, der das bevorzugte Restaurant Johnny Depps aufsuchen wollte, ließ ich mich an einen Tisch plumpsen und sah mich Fanny Lasalle gegenüber.
Vergessen die Blasen an den Füßen, die klingelnden Ohren, die Nerven dünn wie Seidenfäden. In mir erwachte der journalistisch-autorische Spürsinn, gepaart mit Neugier. Selbstverständlich verläßt jemand wie ich niemals das Haus ohne Notizbuch und Stift und so konnte ich Fanny Lasalle Löcher in den Bauch fragen:


Interviewfragen:
Die Gespielin: Erotischer Roman
Dein Roman "Die Gespielin" ist am 19.12. 11 bei Goldmann erschienen.
Ist er Dein Erstling?


 "Die Gespielin" ist in der Tat mein erster Roman, aber nicht meine erste Veröffentlichung. Ich habe einen Band mit nicht-erotischen Kurzgeschichten veröffentlicht, dann aber aus verschiedenen Gründen für mehrere Jahre aufgehört zu schreiben - genauer gesagt, habe ich es zwar versucht, aber nichts zu Ende gebracht. Bis ich mich entschlossen habe, den Roman zu schreiben, den ich gerne im Urlaub am Strand lesen würde. Mit "Die Gespielin" habe ich mir die Freude am Geschichtenerzählen zurück erobert.


Wie bist Du auf die Idee gekommen, einen historischen, erotischen Roman zu verfassen?
Schon als Jugendliche hatte ich eine verhängnisvolle Vorliebe für sogenannte Kitschromane. Meine Lieblingsecke im elterlichen Bücherregal war die, in der die Bücher, die meine Grossmutter hinterlassen hatte, aufbewahrt wurden: Das reichte von Eugenie Marlitt über Hedwig-Courths-Mahler bis Georgette Hyer.


Etwas später entdeckte ich die äusserst schwülen Historicals von Kathleen E. Woodiwiss, in denen es etliche Szenen gab, die mir glühende Wangen bescherten. Die Kombination von spöttischen Lords, herrschaftlichen Anwesen und schönen Frauen hat mich nie ganz losgelassen. Die Welt in diesen Romanen ist einfach: Frauen sind Frauen, Männer sind Männer. Ich denke, auch wenn niemand mehr mit solch einer starren Rollenverteilung leben möchte, sehnt sich jede Frau ab und zu danach, einem starken Mann in die Arme sinken zu dürfen. Durch erotische Literatur kann man diesem Bedürfnis zumindest virtuell nachgeben!


Deshalb war es für mich gar keine Frage, dass mein Roman in einer vergangenen Epoche spielen sollte. Ausserdem: Was ist eine Liebesgeschichte ohne Hindernisse? Seit der sexuellen Revolution hat das Begehren sein Geheimnis verloren, das auch durch Grenzen und Tabus entstand. Heute gibt keine Verbote mehr, was einerseits gut ist, anderseits die Sexualität entzaubert hat. Meine Geschichte in der Vergangenheit anzusiedeln, hat mir ermöglicht, diesen Zauber zumindest für die Dauer eines Buches wieder auferstehen zu lassen.


Hast Du eine besondere Beziehung zu Frankreich?
Wenn ich mich recht erinnere, habe ich zum letzten Mal vor zwanzig Jahren französischen Boden betreten. Ich spreche die Sprache trotz mehrerer Jahre Unterricht so gut wie gar nicht und trinke lieber italienischen als französischen Rotwein. Aber die französische Geschichte fasziniert mich, der Glanz, mit dem Louis XIV die Monarchie umgeben hat, die unerhört modernen Ideen der Aufklärung und die unglaublichen Umwälzungen der Französischen Revolution. Und immer wieder wurde die Geschichte Frankreichs entscheidend von Frauen beeinflusst!


Ausserdem gibt es bestimmte Epochen oder Zeiträume, die in meiner Vorstellung grossartig gewesen sein müssen, natürlich geprägt von Filmen wie "Gefährliche Liebschaften" oder Büchern wie "Paris, ein Fest fürs Leben." Dieses Frankreich ist ein imaginärer Ort, das sicher rein gar nichts mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat. Das macht aber nichts, denn ich glaube, dass solche idealisierten Orte ganz wunderbare Räume für Geschichten eröffnen.


Warst Du schon einmal ich Frankreich? In/bei den französischen Schlössern?
Ich habe in Frankreich-Urlauben mit meinen Eltern Schlösser besucht, allerdings keine berühmten. Vertrauter sind mir deutsche Barockschlösser und ihre Gartenanlagen, die ja häufig dem grossen Vorbild Verailles nacheifern. Diese überbordende Prachtentfaltung hat mich schon immer beeindruckt, und ich kann mir keine schönere Kulisse für eine leidenschaftliche Liebesgeschichte vorstellen.


Ich bin aber wild entschlossen, baldmöglichst selbst nach Versailles zu fahren und mir die "Originalschauplätze" anzusehen. Während der Recherchephase hatte ich dazu aus familiären Gründen leider keine Möglichkeit.


Wie lange hast Du an Deinem Roman geschrieben?
Von der ersten Zeile bis zur Manuskriptabgabe hat es zwei Jahre gedauert, weil ich nur "nebenbei" schreiben konnte. Ich habe viel Zeit in die Recherche gesteckt, weil ich wollte, dass die historischen Details stimmen. Wie sah Paris 1733 aus? Welche Tänze bevorzugte man bei Hof? Was für eine Persönlichkeit hatte Louis XV? Wie war der Park zu dieser Zeit gestaltet? War es tatsächlich so, dass man sich nie wusch und sich in Versailles erleichterte, wo man ging und stand (tat man nicht). Wie vertrieben die Höflinge sich die Zeit? Womit schminkte man sich? Wie sahen die Kleider und Unterkleider aus (besonder wichtig, wenn man beschreiben will, wie sie ausgezogen werden)? Unglaublich wertvoll waren für mich das Buch: "Galantes Versailles - Die Mätressen am Hofe der Bourbonen" von Sylvia Jurewitz-Freischmidt, sowie die Websiten marquise.de und historicum.net und die Sammlung historischer Karten von David Rumsey.


Ganz besonderes Vergnügen hat es mir bereitet, historisch verbürgte Fakten und Ereignisse in meinen Roman einzubauen. Zum Beispiel liebte es der König, in seinen Privatgemächern selbst den Kaffee aufzubrühen. Solche Details sind für mich das Sahnehäubchen auf der Geschichte.


Trotzdem ist mein Versailles fiktiv und musste sich den Erfordernissen der Geschichte anpassen. Ich bin ziemlich sicher, dass es am Hof kein erotisches Theater gegeben hat - obwohl: Wer weiss das schon so genau?


Gehst Du noch einem zweiten Beruf nach?
Ich habe einige Zeit als Textildesignerin gearbeitet und bin inzwischen in der Werbebranche tätig - allerdings freiberuflich, so dass ich mir meine Zeit ganz gut einteilen kann. Das möchte ich auch nicht missen, die visuell orientierte Arbeit ist ein gutes Gegengewicht zum Schreiben.


Wo und wann schreibst Du?
Meistens erledige ich vormittags Alltagskram wie Einkaufen oder arbeite, so habe ich nachmittags den Kopf frei. In der Planungsphase liege ich auf dem Bett und mache mir handschriftliche Notizen, das eigentliche Schreiben findet direkt am Rechner statt. Zum Glück habe ich "ein Zimmer für mich allein", also ein eigenes Arbeitszimmer, in dem ich mich ausbreiten kann. Entsprechend chaotisch sieht es aus.






Hörst Du Musik beim Schreiben?
Ich habe es versucht, weil ich von vielen Kollegen gehört habe, dass Musik sie beim Schreiben inspiriert - aber ich kann es einfach nicht. Musik lenkt mich zu sehr ab. Beim Schreiben brauche ich Ruhe, sonst geht gar nichts.




Was fasziniert Dich am Rokoko?
Das Rokoko war eine Übergangszeit: Auf der einen Seite gab es die Monarchie mit ihrer Macht- und Prachtentfaltung, auf der anderen entwickelten sich bereits die Ideen der Aufklärung. Das führte zu einer ganz neuen Freizüggkeit auch in sexueller Hinsicht. Zudem war das Rokoko eine Epoche der Weiblichkeit: Die Frauen bei Hof sorgten für einen neuen, verfeinerten Umgangston und Lebensart. Auch die Persönlichkeit von Louis XV hat mich sehr angezogen - er war ein ziemlicher Frauenheld, aber gleichzeitig ein intelligenter und gewissenhafter Herrscher, der versuchte, bei all seinen Repräsentationspflichten so etwas wie ein Privatleben zu führen. Ausserdem waren im Rokoko die Kleider einfach fantastisch und sehr sexy. Ich würde sonstwas dafür geben, einmal eine Rokoko-Robe zu tragen!




Was liest Du selbst am Liebsten?


Historische Romane, Thriller, Klassiker, Liebesgeschichten, Fantasy, Gegenwartsliteratur: Da bin ich überhaupt nicht festgelegt. Mir ist aber wichtig, dass ein Buch gut geschrieben ist. Wenn ich über ungeschickte Formulierungen, hölzerne Dialoge oder gar grammatische Patzer stolpere, verleidet mir das die schönste Geschichte.


Und natürlich liebe ich erotische Literatur! Ich freue mich sehr darüber, dass es in den letzten Jahren immer mehr deutsche Autorinnen auf diesem Gebiet gibt. Allzu lange war das eine Männerdomäne. Ich finde es wunderbar, dass Frauen sich mit ihren erotischen Wünschen und Träumen befassen und sie auch formulieren. Sich dieser Dinge bewusst zu sein, macht für mich einen wichtigen Teil weiblichen Selbstbewusstseins aus. Früher definierten Männer, was erotisch war - diese Deutungshoheit haben sie endgültig verloren. Dazu gehört auch, den Mann als "Objekt der Begierde" zu betrachten. Die Helden im erotischen Roman müssen sich der weiblichen Fantasie anpassen. Grossartig!


Hast Du eine/n Lieblingsautorin/en?
Mich da festzulegen, fällt mir sehr schwer. Aber ich habe ein erotisches Lieblingsbuch: "Das Bild" von Jean de Berg, das erstmals 1956 erschienen ist. Hinter dem Pseudonym steckt Cathérine Robbe-Grillet, eine französische Intellektuelle. In dem eher dünnen Roman geht es um eine sadomasochistische Dreierbeziehung. Es gibt auch eine Verfilmung von 1975, die ich mir gerne mal ansehen würde.


Gibt es Reaktionen Deines Umfeldes auf Deine Tätigkeit als Autorin bzw. das Genre?


O ja! Meine Freundinnen sind begeistert, sie haben alle Höhen und Tiefen der letzten Schreibphase mitverfolgt und auch eine private Vorab-Lesung bekommen. Meine Mutter meinte nur: "Ganz schön heftig", nachdem sie das Manuskript gelesen hatte, und mein Vater enthielt sich jeglichen Kommentars, worüber ich auch ganz froh bin. Ich weiss nicht mal, ob er den Text kennt.


Mein Mann hat nur die ersten hundert Seiten gelesen, will sich aber jetzt Zeit nehmen, das fertige Buch zu lesen. Er hat mich überhaupt erst überredet, das Manuskript an eine Agentur zu schicken. Ursprünglich hatte ich nämlich gar nicht vor, es zu veröffentlichen. Ich wollte mich nur selbst unterhalten und mir beweisen, dass ich auch etwas längeres schreiben kann als Erzählungen.


Was fasziniert Dich am erotischen Genre?
Sex ist ein Bedürfnis und zugleich eine unglaublich starke Energie. Es ist magisch: Man lässt alles los und ist ganz bei sich durch das Zusammensein mit einer anderen Person. Und Erotik bereitet einfach Vergnügen, sie ist die Art der Erwachsenen, miteinander zu spielen. Das in Worte zu fassen, ohne peinlich oder pornografisch zu werden - bei gleichzeitiger grösstmöglicher Offenheit - ist eine schriftstellerische Herausforderung, an der ich mich versuchen wollte.


Und nun, die typische Ivy-Paul-Frage:
Du darfst Dir eine Zeit aussuchen, in der Du leben darfst. Welche Zeit würdest Du wählen?
Ich bin unheimlich froh, im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa zu leben. In Romanen - auch meinem eigenen - wird ja gerne übergangen, was unangenehm war. Zum Beispiel die Hilflosigkeit Krankheiten gegenüber, die elenden Lebensbedingungen des Volkes, die entsetzliche Zugluft in den Schlössern, die weitgehende Rechtlosigkeit der Frauen.


Deshalb würde ich mich nicht für das Rokoko entscheiden, sondern für die "Goldenen Zwanziger", und zwar als Künstlerin in Paris, Seite an Seite mit dem jungen Hemingway, Colette und anderen Schriftstellern, reichen amerikanischen Erben, absinthsüchtigen Malern und schwindsüchtigen Chansonnieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich da sehr wohl gefühlt hätte!


Danke für die inspirierenden Fragen, Ivy!
Und ich bedanke mich für diese äußerst intelligenten Antworten, Fanny!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen