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Samstag, 12. Januar 2013

Wie Tanja Kinkel in mein Netz geriet ...

Die Puppenspieler Ach, was sollte ich nur tun?
 
Schon ewig kreuzte kein Autor und noch weniger eine Autorin meinen Weg. Es mußte sich herumgesprochen haben, daß ich unschuldigen Angehörigen der schreibenden Zunft auflauerte, um sie mit meinen Fragen zu löchern.
Mit einer Teilzeit-Depression ist bekanntermaßen nicht zu spaßen. Blitzschnell artet so etwas aus und man sitzt im abgedunkelten Zimmer und schreibt Horrorroman. Da mich die Vorstellung über wilde Orgien unter Werwölfen und Orks und Zombies abtörnte, entschied ich, mein Glück selbst in die Hand zu nehmen .  
Auf genauere Vorbereitungen gehe ich nicht ein. Nur soviel: Die Augsburger Puppenkiste war sehr inspirierend.
Und so baumelte auch schon bald eine bekannte, erfolgreiche Autorin in meinen Fängen.
 
Wie einige Kolleginnen und Kollegen vor ihr, sah auch Tanja Kinkel sich nicht in der Lage, meinen Verhörmethoden zu widerstehen und erzählte mir ALLES!
 
Von ihren Filmplänen, ihren Lieblingsfilmen, intensiven Buch-Beziehungen, dem Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter und ihrem Mann Peter Parker (vielen unter dem Pseudonym Spiderman bekannt ...)
 
 
INTERVIEW
 
 
Dr. Tanja KinkelWas steht im Moment auf Deinem Schreibtisch - vom Computer einmal abgesehen?

Stifte, Adressbücher, ein Akter mit alten Briefen, USB-Sticker und ein Familienphoto.

 

In welchem Film würdest Du gerne einmal mitspielen?
Mir wäre eine Statistenrolle im nächsten Teil des "Hobbits" ganz recht, und nicht nur aus Tolkien-Gründen: das würde nämlich eine bezahlte Reise nach Neuseeland bedeuten, wo ich noch nicht war, und ich könnte Ian McKellen um ein Autogramm bitten.


 

Dein Roman "Die Puppenspieler" spielt -teilweise- in Augsburg. Warst Du
schon einmal in Augsburg?
Oft. Augsburg liegt zum Glück nur eine halbe Stunde mit dem Zug von München entfernt. Es war also kein Problem, die Stadt mehrfach zu besuchen.

 
 
Falls ja, was hat Dich besonders beeindruckt?

Im Jahr nach den "Puppenspielern" fand dort eine Veranstaltungsreihe zum Thema Heinrich Heine statt, mit einer Reihe guter Vorträge, Debatten und Rezitationen. Ich habe die Zugverbindung München-Augsburg selten so intensiv genutzt.
 
 
 

Welches Deiner Bücher liegt Dir besonders am Herzen?

Bücher sind wie Kinder: man liebt sie alle. Mit jedem verbindet sich ja nicht nur ein Thema, das mir sehr nahe ging und immer noch geht, sondern auch ein Zeitabschnitt meines Lebens. Dabei ist natürlich das letztveröffentlichte "Kind" immer das, von dessen Vorzügen man die Welt am meisten überzeugen will - derzeit also "Das Spiel der Nachtigall".

 

Du engagierst Dich für die Organisation Brot und Bücher. Was sind die Ziele von Brot und Bücher? Wie kamst Du dazu, Dich für Brot und Bücher zu engagieren?

Wahnsinn, der das Herz zerfrißtHilfe zur Selbsthilfe für Kinder durch kontinuierliche Unterstützung und Erziehung. Mein Vater kann Bilanzen analysieren. Er hat sich solche großer Stiftungen angesehen und festgestellt: da wird zu viel Geld abseits der eigentlichen Aufgaben ausgegeben. Deswegen schlußfolgerten wir, daß wir einen eigenen Verein gründenmußten, der bei der Umsetzung ausschließlich selbstlos tätig sein kann, ohne irgendeine Form von Verwaltungskosten, die wir stattdessen selbst übernehmen. Das ist aber nur bei einer kleinen übersichtlichen Vereins-Stiftungsstruktur möglich, bei Zielen, die man übersehen kann, mit Partnern, denen man vertrauen schenkt, und die es sich auch leisten können, ebenfalls selbstlos zu helfen. Nur so können die unvermeidlich anfallenden Kosten privat getragen werden, um von einem Euro immer 100 Cent in die Not zu investieren. So entstand der Verein Brot und Bücher vor gut 20 Jahren, und schuf Schulen, Waisenhäuser, Brunnen, ein Therapiehaus, Werkstätten und zuletzt eine Wasserversorgung für ein Kinderkrankenhaus, welches das benötigte Wasser aus Brunnen in ca. 1 km Entfernung decken musste. So versuchen wir immer dort zu helfen, wo sonst kaum Hilfe hinkommt ,und wollen das auch weiterhin so handhaben.

 

Außerdem gilt Dein Interesse Kinderhospizen - für die Du seit 2007 als
Schirmherrin fungierst. Wie kam es dazu?

Die Prinzen und der DracheWir wollten uns bei Brot und Bücher ursprünglich vorwiegend in der Dritten Welt engagieren. Dann sind wir vor unserer Haustür über misshandelte und missbrauchte Kinder nahezu gestolpert, und über Kinder mitlebensbegrenzenden Krankheiten. Wer da wegsehen könnte, obwohl er zumindest in Teilbereichen helfen kann, hätte als Fels auf die Welt kommen müssen.
 
 

Ein schlauer Spruch besagt "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Was würdest Du jemandem vorschlagen, der sich im Kleinen sozial engagieren möchte?

Die Schatten von La RochelleDankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens. Egal wie klein, wie intensiv man sich engagiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich im Sport, der Musik, für Kinder oder alte Menschen engagiert. Das kann eine scheinbare Kleinigkeit sein, wie für die alte Dame von nebenan den Einkauf zu übernehmen, oder einfach seinen Dachboden auf alte Spielsachen zu überprüfen, Kinderkleidung, die man selbst nicht mehr braucht, die aber ein Kinderdorf sehr gut verwenden kann. Passen Ihnen Ihre Hosen und Pullis nicht mehr? Im Frauenhaus hat man Verwendung dafür. Jeder kann etwas beitragen. Hauptsache, man tut etwas. Außerdem wird aus einer Tat immer etwas mehr. Das ist ein Automatismus, dem sich kaum jemand verschließen kann.

 

Was ist Deiner Meinung nach das größte Verbrechen der Gesellschaft?
Gleichgültigkeit und Wegschauen.
 
 
 

Welche Szene hältst Du für die beste der Filmgeschichte?
Götterdämmerung
Nachdem meine cineastische Erinnerung erst aufjammert, weil es so viele geniale Szenen gibt, und mir eine große Auswahl anbietet, von der Frühstücksszene in "Citizen Kane" (die Geschichte einer Ehe in drei Minuten), über Omar Sharifs erstem Auftritt in "Lawrence von Arabien" (wo man zuerst nur einen kleinen schwarzen Punkt am Horizont der Wüste sieht) über den Schluß von "Manche Mögen's Heiß" ("Nobody is perfect!") bis hin zu der Todesszene des Replikanten Roy Batty in "Blade Runner", gibt es doch eine, die sich mehr als alle anderen anbietet: die Schlußszene von Charlie Chaplins "City Lights", des Films, in dem Chaplin noch einmal, als der Tonfilm schon längst weltweit gesiegt hatte, alle Register des Stummfilms zieht. Das blinde Blumenmädchen ist wieder sehend geworden, nicht länger arm, sondern die Besitzerin eines kleinen Blumengeschäfts, und entdeckt,daß der abgerissene Tramp vor ihr, über den sich alle lustig machen, kein anderer als der Mann ist, den sie für einen Millionär und ihren Gönner gehalten hat. Der Moment des Erkennens auf dem Gesicht der Frau, und dann Chaplins Gesichtsaudruck, der so vieldeutig ist - all das geht nur im Film. In einem Roman oder Theaterstückmüßte man festlegen, ob der Tramp erfreut oder entsetzt darüber ist, daß sie nun die Wahrheit über ihn kennt. Im Film nicht. "City Lights" endet mit diesem Close-Up auf die berühmteste aller Stummfilmfiguren, und es bleibt für immer dem Publikum überlassen, die Gefühle, die sich in ihm widerspiegeln, zu interpretieren. Das ist die beste Szene der Filmgeschichte:


 
 
Auf Deiner Homepage ist (noch) nichts zu lesen: Bist Du 2013 auf Lesereise?


Ich habe einige Termine, ja. Sobald die Verträge von den Buchhandlungen eingetroffen sind, stelle ich sie ins Netz.
 
 
 
Der König der Narren
Was ist das lustigste Erlebnis, das Du auf einer Lesereise hattest?

Ich war erst Mitte Zwanzig, da fragte mich bei einer Schullesung ein sechzehnjähriger Schnösel: "Wie waren Sie eigentlich, als Sie noch jung waren?"

 

Hältst Du gerne Lesungen?
Das tue ich. Sonst würde ich erst gar nicht auf Lesereisen gehen - ich glaube, wenn man nur halbherzig liest, merkt das Publikum das sofort, und damit ist weder dem Autor noch den Lesern geholfen. Lesungen sind für mich nicht nur eine der wenigen Möglichkeiten, zu erleben, wie das, was ich geschrieben habe, unmittelbar auf die Menschen wirkt, sondern sie sind auch, ähnlich wie Theaterdarstellungen, eine Gelegenheit, noch einmal in die Welt des Geschriebenen einzutauchen.

 

Und nun die obligatorische, skurrile Ivy-Paul-Frage ;-):

Spiderman oder Mr. Bean - mit welchem der beiden wärst Du lieber
verheiratet?

Spiderman. Natürlich bestünde dann die Gefahr, daß meine Ehe durch einen sexistischen Herausgeber bei Marvel nach zwanzig Jahren für nicht mehr existent erklärt wird und mein Mann auf rätselhafte Weise all seine Erfahrungen, die ihn zum Erwachsenen gemacht haben, verliert. Aber bei seiner Schlagfertigkeit , die er auch in seiner Teenager-Fom hat, wäre mir nie langweilig, New York als Wohnort ist nicht übel, und in Form seiner Tante hätte ich die patenteste und umgänglichste Schwiegermutter aller Zeiten. Bis zum nächsten Retcon, versteht sich.
 
 
 
 
 
Liebe Tanja, vielen Dank für dieses wundervolle Interview!

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